Wieder ist Gott reisefertig

Sieben Diptychen zu Gedichten von Nelly Sachs

In der mittelalterlichen Kirche waren Diptychen in mehrfacher Bedeutung bekannt:

  • als Altarbilder mit zwei Flügeln, die entweder geschnitzt oder bemalt waren
  • als Klapp – Wachstafelbuch, in das mit einem Griffel geschrieben wurde
  • und als Namensverzeichnis von Toten und Lebenden, die als Mitglieder der Kirche von Ansehen waren. In der Liturgie, unmittelbar vor oder während des Hochgebetes (libri vivorum et mortuorum) wurden die Namen verlesen. Die Diptychen der Lebenden enthielten die Namen der Patriarchen, Bischöfe, Persönlichkeiten und Wohltäter, es folgten die Namen der Jungfrau Maria, von Märtyrern und Heiligen.

Die Diptychen der Toten enthielten die Namen verstorbener Bischöfe, sowie von Priestern und Laien, die im Ruf der Heiligkeit verstorben waren.

Aus den Diptychen gestrichen zu werden, kam einer Exkommunikation gleich.

Am 10. Dezember 1891 wird Nelly Sachs in Berlin als Tochter eines jüdischen Fabrikanten geboren. Als junges Mädchen erlebt sie eine unerwiderte Liebe zu einem älteren Mann, dessen physischen und psychischen Zusammenbruch sie bei Gestapoverhören miterlebt.

In ihren Gedichten wird er „Bräutigam“ genannt, seinen Namen hat Nelly Sachs nie öffentlich gemacht.

Der Geliebte kommt in einem Konzentrationslager ums Leben. Am 16. Mai 1940 gelingt Nelly Sachs die Flucht mit ihrer Mutter aus Deutschland nach Stockholm, wo sie am 12. Mai 1970 stirbt.

Ihr Werk wird mit etlichen Preisen geehrt: mit dem Literaturpreis der Deutschen Industrie, dem Nelly Sachs – Preis der Stadt Dortmund, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 1965 mit dem Nobelpreis.

Ihre Gedichte enthalten kein Wort des Hasses. Sie verwendet Metaphern über Geburt, Ebbe und Flut, Stillstand und Bewegung. Die Gerettete schreibt ein Werk der Rettung voller Trauer, aber dennoch voller Hoffnung.

Ihre Sprache entspricht jüdischer Tradition, sie bezieht sich auf die Bücher der Propheten, die Psalmen, die Thora und auf die Legenden der Chassidim.

Die Form der Bilder als Diptychon bezieht sich auf die drei historisch bekannten Bedeutungsebenen:

  • im Kontext zum Altarbild stimmt sie mit der Hoheitsformel der wesentlichen Aussage auf einer bedeutungsvollen Bildform überein
  • in Verbindung mit dem Wachstafelbuch dienen die Malflächen als Grund für Notate und Eintragungen
  • als libri vivorum et mortuorum wird ein Dialog zwischen der Lebenden und dem Toten hergestellt.

Die sieben Gedichte werden mit freundlicher Genehmigung des SUHRKAMP Verlages, Frankfurt am Main veröffentlicht. Sie sind dem Buch „Fahrt ins Staublose“ entnommen.